Interview mit Gloria Viagra: Schon mal im Berghain Sex gehabt?
Von Danijel Majic.
Niemand, aber auch wirklich niemand kann behaupten, dass Gloria Viagra nicht geschaffen wäre für dieses Kleid, diese Puschel-Perücke und diesen Tom-Selleck-Gedenk-Schnorres.
Ein schwuler Pornodarsteller und ein knapp zwei Meter hoher Transvestit gehen in eine Bar. Was klingt, wie der vielversprechende Einstieg in einen politisch gänzlich inkorrekten Witz, ist in dieser Verbindung bei Thekenschlampe TV nicht viel mehr als ein gewöhnliches Exposé. Und so sitzen sich im vom Licht der Scheinwerfer dürftig aufhellten Kreuzberger SchwuZ Tim Kruger und Gloria Viagra gegenüber. Zwischen sich einige Zentimeter Tresen, zwei Gläser Sekt und das Bewusstsein, von einer Kamera beobachtet zu werden.
Für Kruger, den einschlägige Internetseiten als „well hung german redhead“ – zu deutsch: gut bestückter deutscher Rotschopf – beschreiben, keine ungewohnte Situation. Und auch Gloria Viagra ist es gewohnt, im Rampenlicht zu stehen – wenn auch meist sittsamer gekleidet als Kruger.
Nicht weniger als der „Champagner des Talks“ möchte Thekenschlampe TV sein. So zumindest verspricht es der Untertitel der Internet-Sendung. Spritzig, verspielt, ein wenig extravagant. Wer könnte das besser verkörpern als Gloria Viagra? In Stöckelschuhen und mit künstlichem Afro kratzt die stadtbekannte Damenimitatorin an der 2,30 Meter-Marke. Auffälliger als ihre Körpergröße ist allein der breite Schnauzer unter ihrer Nase. Im hautengen Fummel räkelt sie sich an der Theke. Vielleicht ist es gerade dieses offensive Auftreten, dass es Kruger etwas schwer macht, richtig ins Gespräch zu kommen. Neben der selbstbewussten Viagra wirkt der sonst wenig kontaktscheue Pornodarsteller brav wie ein BWL-Student, der um seinen guten Ruf fürchtet. „Lieber Tim“, sagt Gloria nach knapp zwei Minuten, „wir müssen mehr trinken.“
Vielleicht ein bisschen seriöser.
Szenenwechsel. Es sind einige Wochen vergangen, seit sich Kruger im SchwuZ dem Gespräch mit Gloria Viagra gestellt hat. Der Zusammenschnitt steht im Netz. Es ist die letzte Folge der ersten Staffel von Thekenschlampe TV, der im Sommer gestarteten Interview-Reihe von Gloria Viagra. Vermutlich nicht das interessanteste Gespräch. Dafür waren schon zu viele Großkaliber in der Sendung zu Gast. Die Schauspielerin und Sängerin Romy Haag traf Viagra im Café des Artistes, den DJ und Producer Eric D. Clark in der Liberate Bar. Interessante Menschen in ihren Lieblingskneipen interviewen, das ist das Grundkonzept von Thekenschlampe TV. Und natürlich ist auch Gloria Viagra selbst Teil des Konzepts.
„Vielleicht machen wir es ein bisschen seriöser“, sagt Gloria. Ein Satz der im ersten Moment ein wenig paradox klingt, wenn die Ewig-Neunundzwanzigjährige mit ihrem Afro fast an der Decke ihrer Charlottenburger Altbauwohnung entlang schrammt und an Hals und Fingern jede Menge Bling-Bling funkelt.
Tatsächlich nutzt Viagra die Pause zwischen den beiden Staffeln für etwas weniger schrille Formate. Für das Berliner Schwulenmagazin Siegessäule befragt sie Politiker aller großen Parteien zu ihren Konzepten zur Schwulen- und Lesbenpolitik. Doch auch bei solchen Terminen bleibt sie bei ihrer Rolle. Es ist ein bewusstes Spiel mit der Irritation, das mal gut gehen kann und mal nicht. „Ein bisschen aus dem Rahmen fallen“, nennt Viagra das. Eine Untertreibung. Doch der offensive Umgang mit dem Anderssein, die zur Schau gestellte Nichtakzeptanz der Geschlechterrollen und Klischees ist bei der Ikone des Berliner Nachtlebens mehr als Attitüde. Es ist Ausdruck einer Weltsicht.
Das bekommt auch Tim Kruger vermittelt – auf humorvolle Weise. In Wodka veritas! Ein Trinkspielchen gehört zu jeder Ausgabe von Thekenschlampe. Fünf randvolle Schnapsgläser stehen auf der Theke. Gloria und ihr Gast stellen sich gegenseitig Fragen. Wer mit Ja antwortet, muss ein Glas leeren.
„Schon mal im Berghain Hausverbot gehabt“, will Kruger von Viagra wissen. „Ich?“, fragt sie mit gespielter Empörung, „die Königin?“ Die Gläser bleiben auf der Theke. Gegenfrage: „Schon mal im Berghain Sex gehabt?“ Kruger greift gleich zu zwei Gläsern. Viagra auch. „Ich dachte, du hast eine Vagina?“, wundert sich Kruger. „Nein“, klärt Gloria auf, „ich bin ein Mann in Frauenkleidern.“
Gloria Viagra hat keine Angst vor Trash. Trinkspielchen, Assoziationsketten, Pantomime – Lockerungsübungen, die im Zweifel auch unterschwellig reservierte Gesprächspartner zum Antworten bewegen. In seinen besten Momenten erinnert Thekenschlampe TV deutlich an das NDR-Format „Inas Nacht“ in stark komprimierter Form. „Klar würde ich das gerne etwas länger machen“, sagt Viagra. Auch kontroverser dürfte es ruhig zugehen, gerne auch politischer. „Wer weiß. Vielleicht fragen wir mal bei Claudia Roth an.“
Nach fünf Gläsern Wodka ist auch Kruger aufgetaut. Er öffnet Hemd und Hose. Ein imposanter Sixpack kommt zum Vorschein und eine engsitzende Boxershorts. Gloria Viagra bleibt ganz locker.